27. September 2021

Partizipation in der Quartiersentwicklung

Dass neue Projektentwicklungen auf breite Akzeptanz stoßen, ist gerade in hochverdichteten und stark sensibilisierten Innenstadtquartieren keine Selbstverständlichkeit. Zu unterschiedlich sind die Interessen, zu groß die Ängste. Also muss ein neues Quartier nicht nur gebaut werden. Es gilt, auch dafür zu werben, die Chancen der Entwicklung aufzuzeigen und auf Bedenken konstruktiv einzugehen. Und das möglichst frühzeitig – also zu Zeiten, da sich am Projekt noch Änderungen integrieren lassen.

Das Zauberwort lautet Partizipation

Etliche gegen den ausdrücklichen Willen weiter Bevölkerungsteile umgesetzte Eingriffe in vertraute Umgebungen kranken nachhaltig an ausgebliebener und nicht rechtzeitig erfolgter Einbeziehung Betroffener. Natürlich können nicht alle Einzelinteressen berücksichtigt oder Entscheidungen immer wieder vertagt und neu diskutiert werden. Transparent kommunizierte Prozesse, die realistische Gelegenheiten geben, Ängste zu formulieren, eigene Erfahrungen und Einwände einzubringen sowie Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, helfen aber ungemein bei der Akzeptanz. Die Bereitschaft der Bewohner und übrigen Beteiligten, Zumutungen zu erdulden, wächst, wenn frühzeitig eine ehrliche Kultur des Aushandelns, der Akzeptanz unterschiedlicher Normen und des Kompromisses entsteht.

Ladder of Citizen Participation nach S. Arnstein Projekt der Baugruppe »Am Urban« im Bau
Aus: Hella Unger (2012): »Partizipative Gesundheitsforschung: Wer partizipiert woran?« In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 13(1), Art. 7

Partizipation meint somit einen mehrstufigen, anhaltenden dialogisch Prozess auf Augenhöhe, der vor der eigentlichen Quartiersentwicklung beginnt und selbst nach deren Vollendung nicht abgeschlossen ist. Das kostet Zeit und Geld. Die Konfrontation verschiedener Interessengruppen kann auch unangenehm werden. Doch die Mühen machen sich in der Regel bezahlt. Quartiere weisen nämlich erfahrungsgemäß dann ein hohes Maß an Lebendigkeit im Sinne von gelebtem Alltag auf, wenn es gelingt, Bewohner und Gewerbetreibende im Quartier und dessen Umfeld einzubinden und zur konstruktiven Teilhabe zu motivieren. Partizipation, professionell moderiert, kann Blockadehaltungen lösen und zu einer nachhaltigen Aktivierung und positiv-konstruktiven Teilhabe von Bewohnern führen. Die hier etablierten Formen der Selbstorganisation oder der Co-Entwicklung eines Areals, können nachher von unschätzbarem Wert für ein lebenswertes Quartier sein. Werden nämlich Menschen vor Ort für das Projekt gewonnen, werden sie Teil des Projektes und füllen es mit Leben. Dann entsteht ganz selbstverständlich gelebter urbaner Alltag. Dann kann man von einer gelungenen Projektentwicklung sprechen.

Am Raum, den Projektentwickler der Partizipation einräumen, kommt auch deren Selbstverständnis zum Ausdruck. Sieht der Projektentwickler nur das Quartier als in sich autarke Einheit? Oder als mit seinem Umfeld verzahnten Impulsgeber, inklusive der langfristigen Konsequenzen? Betrachtet der Entwickler lediglich, welche Mehrwerte das Umfeld für „mein“ Quartier bringt, oder liegt auch ein Augenmerk darauf, welcher Mehrwert von „meiner“ Entwicklung für das Bestandsquartier ausgeht? Letztlich geht es um eine gesellschaftliche Verantwortung. Dürfen wir Projektentwickler oder Investoren bauen, was uns (insbesondere: wirtschaftlich) gefällt – oder bekommen wir von der Gesellschaft nur das Recht und die Vorgabe, Projekte innerhalb derer Erwartungen umzusetzen?

Über den Autor:

Bevor er 2017 eine Professor für Soziologie der gebauten Umwelt an der TH Lübeck übernahm, war Dr. Marcus Menzl von 2007 bis 2017 bei der HafenCity Hamburg GmbH beschäftigt, wo er die sozialen Entwicklungsprozesse im neu entstehenden Stadtteil koordiniert, initiiert und strukturiert hat.